Die brasilianischen Teilnehmenden engagieren sich in verschiedenen 
sozialen und politischen Organisationen

Mit Gabriel (l) und Lorival (r) waren 2019 zwei ehemalige "Gonçalinho-Kinder" beim Austausch dabei. Hier berichteten sie von aktuellen Entwicklungen im Projekt.

Abschlussbericht zur brasilianisch-deutschen Jugendbegegnung in Metzingen vom 19.1.-11.2.2019

Das inhaltliche Programm des Jugendaustauschs begann mit einer historischen Stadt-führung in Metzingen, die den Schwerpunkt darauf legte, wie sich die Stadtentwicklung in Bezug setzen lässt zu den jeweiligen Existenz- und Wirtschaftsformen der Bewohnenden: Die sieben Keltern auf dem Marktplatz zeugen zum Beispiel davon, dass der Großteil der agrarisch wirtschaftenden Bevölkerung im Mittelalter vom Weinbau lebte und die Kapazität der Keltern jedes Jahr erweitert werden musste. Im Weinbaumuseum erfuhren und sahen wir, wie (technisch und sozioökonomisch) die genossenschaftliche Produktion über Jahrhunderte organisiert war. Weitere Schwerpunkte waren die Industrialisierung, die sich heute noch in der Ruine einer Textilfabriken und den Resten der Arbeiterviertel zeigen, natürlich aber auch an der auf Hochglanz polierten Innenstadt der „Outlet-City“ Metzingen. 

Die Unterschiede ... 

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... dieser durch den wirtschaftlichen Erfolg geprägten Industrie-Kleinstadt zur vergleichsweise armen Universitätsstadt Tübingen erlebten wir zwei Tage später beim Thementag Tübinger Stadtgeschichte. Hier waren die zwei Schwerpunkte Wohnungsnot /Umgang mit knappen Ressourcen und Tübingen im Nationalsozialismus. Zum ersten Punkt besuchten wir das „Französische Viertel“ als Modellprojekt der Idee „Stadt der kurzen Wege“, das Wohnen und Arbeiten versucht zu verbinden und die Wagenburg als Alternativmodell urbaner Wohnform. Hier thematisierten die Jugendlichen im Gespräch mit den Bewohnenden auch die Optionen, ressourcenschonend zu leben: Kompost-toilette, Regenwassernutzung, Tauschbörsen, Solaranlage (das 100 Bewohner*innen beherbergende Viertel ist nicht elektrifiziert und hat kein fließendes Wasser, außer dem Bach, der es durchquert). Zum zweiten Schwerpunkt gab es eine Führung in der Altstadt mit zwei Studentinnen, die als „Jugendguide“ ausgebildet sind. Das sind junge Leute, die sich mit der Frage der Aufarbeitung und des Gedenkens an die Verbrechen des National-sozialismus auseinandergesetzt haben und Führungen v.a. mit Schulklassen machen. Die Beiden haben den Jugendlichen anhand der „Stolpersteine“ von der „Arisierung“ jüdischer Geschäfte erzählt, haben beim Blick von Stiftskirchenturm die Entwicklung des jüdischen Viertels in der Unterstadt angesprochen und danach in der Universität in einem historischen Raum des Schlosses von der Rolle der Uni während der NS-Zeit berichtet (z.B. Stichwort „Rassenforschung“). Besonders empörend war für die Jugendlichen von den Kontinuitäten in der Nachkriegszeit zu hören.

Auch das Thema soziale Gerechtigkeit in den urbanen Lebensverhältnissen prägte die erste Woche des Austausches: Es war uns wichtig, sowohl den brasilianischen Gästen als auch den Metzinger Jugendlichen bewusst zu machen, aus wie viel Vielfalt unsere deutsche Gesellschaft besteht und dass es hier eine zunehmende Anzahl von Menschen gibt, die vom Einkommen her, aber auch vom Bildungsniveau und ihrer sozialen Teilhabe her relativ marginalisiert und prekär leben. Dazu besuchten wir den Tafelladen und das soziale Brennpunktviertel „Kleiner Bol“ auf den Feldern zwischen Reutlingen und Metzingen, eine Art Auffanglager für Familien, die aus allen sonstigen sozialen Netzen gefallen sind. Mit den dortigen Bewohner*innen organisierten wir ein Tischfußballturnier mit Mittagessen am Grillfeuer und thematisierten danach im Gespräch diese Erfahrung: die Brasilianer*innen sagten, dass ihnen an diesem Nachmittag erschreckend viel Armut und vernachlässigte Kindern begegnet seien.


Zwischen diesen speziellen Programmpunkten fanden einige gemeinsame Unterrichts-stunden am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium statt, an denen auch die Jugendlichen teilnahmen, die nicht auf der Metzinger Schule sind. In Absprache mit unterstützenden Kolleg*innen wurden hier gemeinsam mit den deutschen und brasilianischen Jugend-lichen inhaltliche Aspekte vertieft und Raum für Diskussionen geschaffen: Eine Ethik-stunde war der Frage gewidmet, wie es um die soziale Gerechtigkeit bestellt ist in einer Gesellschaft, in der die Chancen auf Zugang zu Bildung so eklatant vom Ver-mögen der Eltern abhängen, wie es in Brasilien der Fall ist, aber auch unser dreigliedriges Schul-system kam auf den Prüfstand. In einer Geschichtsstunde diskutierten wir Gemeinsam-keiten und Unterschiede im Wahlkampf und im Diskurs von Hitler und dem neuen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. In zwei Religionsstunden brachten die brasil-ianischen Jugendlichen den Deutschen ihre Erfahrungen mit den befreiungstheologisch orientierten Basisgemeinden nahe und erklärten ihnen – im Unterschied dazu – den wachsenden Einfluss der konservativen Pfingstgemeinden. Dies war einer von mehreren Zeitpunkten, an denen das Thema Vielfalt in den Lebensformen zur Sprache kam: Die neue Ministerin für Diversität und Genderfrage ist Pastorin einer dieser evangelikalen Gemeinden und machte als erste Amtshandlung Schlagzeilen mit der Leitlinie, dass Mädchen wieder rosa und Jungen hellblau tragen sollten und mit der erschreckenden Aussage, der Feminismus sei eines der Grundübel unserer Zeit.

Am Ende der ersten Austauschwoche fand der Präsentationsabend unserer brasilianischen Gäste statt. Da eines der Kriterien ihrer Teilnahme am Austausch das Engagement in einer sozialen, politischen oder ökologischen Organisation ist, hatten sie alle die Aufgabe, eine mit Bildern veranschaulichte Darstellung der Arbeit ihrer Gruppe vorzubereiten. So erfuhren die Gastfamilien und die eingeladene Öffentlichkeit viel über die Hintergründe unserer Gäste und über unser Partnerland.

Die Tübinger Öffentlichkeit im universitären Umfeld profitierte von den Erfahrungen und der Organisation unserer Gäste während einer Brasilien-Veranstaltung an der Universität, zu der unsere Austauschgruppe eingeladen war. Sie durften auf die Bühne kommen und von den Folgen der ersten Regierungshandlungen auf ihr eigenes Leben berichten und von ihren Erwartungen und Befürchtungen, wohin der Diskurs und die Politik dieser Regierung noch führen könnte.

Die dreitägige Schneeschuhtour zur Schwarzenberghütte in den Allgäuer Alpen war geprägt von ökologischen und sozioökonomischen Themen: Klimawandel und Rückgang der Gletscher mit dem Folgeproblem, dass Trinkwasserreservoirs weniger werden und das Verschwinden traditioneller Lebensformen im Alpenraum: Wir wanderten mit Schnee-schuhen zu einer alten Käserei-Alm und ließen uns vom Hüttenwirt erzählen, wie früher die landwirtschaftliche Nutzung des Lebensraums aussah. Die harten Bedingungen mit der Kälte und den Schneemassen, die die Jugendlichen hier intensiv erlebten, machte es leicht verständlich, warum der Prozess der Landflucht hier so massiv war.

In den Tagen zwischen der Fahrt in die Alpen und der Exkursion nach Berlin fanden drei wichtige Programmpunkte statt: 1. Der Besuch im Integrationszentrum im Nachbarort Dettingen, in dem die Jugendlichen von den Mitarbeitenden erfuhren, welche Anstreng-ungen hier unternommen werden, um den ankommenden Geflüchteten die Integration zu ermöglichen. Das Gespräch bot auch Raum um Bedenken und offene Fragen zu äußern, welcher soziale Sprengstoff im Phänomen globale Migration liegt.
2. Der Besuch in der Dettinger Papierfabrik, die uns mit ihren gigantischen Maschinen überwältigte und uns einen Zusammenhang zwischen unseren beiden Ländern zeigte: Der Zellstoff, aus dem die Papier-Latex-Mischung für Möbelfurnier hergestellt wird, ist Eukalyptus-Holz aus Brasilien. Da Eukalyptus ein sehr schnell nachwachsender Rohstoff ist, wird er dort in Monokultur-Plantagen für den Export angebaut, mit der Folge, dass in der Umgebung die Fruchtbarkeit der Böden abnimmt, der Pestizideintrag zunimmt und der Grundwasserspiegel absinkt, weil Eukalyptus dem Boden extrem viel Wasser entzieht.
3. Der Capoeira-Workshop, bei dem die Jugendlichen nicht nur eine Choreographie dieses Kampfsport-Tanzes für den Abschlussabend einübten, sondern auch die Bedeutung von Capoeira für den Befreiungskampf der afrikanischen Sklav*innen zur Zeit der Koloniali-sierung Brasiliens erfuhren.
In weiteren Unterrichtsstunden kamen die brasilianischen Gäste zu Besuch um den jüngeren Schüler*innen Fragen über Brasilien zu beantworten. Sie erzählen zum Beispiel vom Goncalinhoprojekt, denn zwei Jugendliche sind ehemalige Goncalinho-Kinder, die jetzt schon selber als Helfer im Projekt arbeiten. Drei unserer Gäste sind vom „Indio“-Stamm der Chiquitanos und erzählen unseren Schüler*innen vom Leben in ihrem indigenen Dorf. Mit einigen der Klassen basteln sie traditionellen Schmuck, denn die drei leiten die Jugend-Kulturgruppe, die die Aufgabe hat, die Wurzeln der Chiquitano-Kultur zu bewahren: Kunsthandwerk herstellen, mit selber geschnitzten Pfeilen und Bogen jagen, tanzen, die Muttersprache lernen. Der Schwerpunkt ihrer Erzählungen liegt darauf zu betonen, inwiefern ihre Lebensweise einen Kontrast zur ressourcenintensiven und umweltzerstörenden Produktionsweise des Agrobusiness darstellt. Die Kinder hören gebannt zu, wenn sie erzählen, wie schon 18-Jährige, wenn sie ausziehen, selber ihr Haus aus Holz und Palmblättern bauen, ihre „Dusche“ und „Toilette“ ohne fließendes Wasser konstruieren und die Nutzung des Flusses so mit der Dorfgemeinschaft organisieren, dass alle Bedürfnisse erfüllt werden können, ohne dass es zu Hygieneproblemen kommt.

Die fünftägige Exkursion nach Berlin erweiterte den Blick um die Metropolen-Perspektive: Im Berliner Stadtviertel Marzahn, das aufgrund seiner problematischen Sozialstruktur während der Fußball-WM 2006 offiziell „No go- Area“ genannt wurde, übernachteten wir die ersten zwei Nächte in einem Stadtteilzentrum, führten Gespräche mit den Mitarbeitenden über die Entwicklung des Viertels seit der Nachkriegszeit und verbrachten einen Abend in einer von den Jugendlichen selbst organisierten Skaterhalle in der Nachbarschaft, die den Metzinger Gymnasiast*innen und den brasilianischen Gästen vor Augen führte, wie unterschiedlich gesellschaftliche Milieus in Deutschland sein können, aber auch, dass man mit Engagement die eigene Lebensqualität deutlich verbessern kann.
Im Museum „Topographie des Terrors“ erschütterte vor allem die Brasilianer*innen die Tatsache, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur von einer kleinen Gruppe Täter*innen ausgegangen waren, sondern dass Denunziant*innen, Mitläufer*innen und ehrlich Überzeugte einen großen Teil der Bevölkerung bildeten. Immer wieder stellten sie sich und uns die Frage, wie 55 Prozent ihrer eigenen Bevölkerung einen Präsidenten wählen konnten, der Hitler als Vorbild bezeichnet und die Folterer der eigenen Diktatur der 60er-80er Jahre verherrlicht, wenn doch so bekannt und gut aufgearbeitet ist, wohin die rechtsradikalen Ideologien Europas geführt haben. Das Dokumentationszentrum
Berliner Mauer und die Führung entlang der Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße führte den Jugendlichen anschaulich vor Augen, wohin eine Ideologie – und wenn sie in ihren Ansätzen noch so idealistisch sein mag – führen kann, wenn die Akteur*innen ihre Menschlichkeit verlieren und mit absolutem Wahrheitsanspruch auftreten.
Die letzten Nächte verbrachten wir im Scheunenviertel, dem ehemaligen jüdischen Viertel, das  einen interessanten Teil der schillernden Berliner Geschichte wider-spiegelt: Von der Ausdehnung des Stadtkerns in die landwirtschaftlichen Außenbezirke über die ostjüdische Immigration des 19. Jahrhunderts, die Polizeirazzien, als hier das Rotlicht- und Armenviertel war, dann die Gentrifizierung mit ihren Licht- und Schattenseiten. 
Selbständig begaben sich die Jugendlichen einen Tag lang auf die Spurensuche des jüdischen Lebens im Scheunenviertel, besuchten die ehemalige Synagoge, das Anne Frank- und Otto Weidt- Museum, den ehemaligen jüdischen Friedhof und suchten die Stolpersteine. Der Aufenthalt zwischen den Steinquadern des Holocaust Mahnmals inspirierte die Jugendlichen zu Zeichnungen, die wir dann zu einem Berlin-Kunstwerk zusammengestellt haben.

Die Evaluation und Abschlussreflexion der Austauschwochen zeigte, dass die Jugend-lichen beider Länder weitaus mehr mitnahmen, als sie selbst vorher für möglich hielten. Nicht nur fielen die Antworten auf die inhaltlichen Fragen sehr ausführlich aus, sondern sogar zu den Erkenntnissen über Lebensstil, Konsumverhalten, Umgang in den Familien, Verhältnis zu Alkohol, übermäßigem Verzehr von Fleisch, Rauchen etc. hatten sie so viel gut Reflektiertes zu sagen, dass deutlich wurde, wie viel sie gegenseitig voneinander gelernt haben.

Zeitungsartikel 


11.02.2019        Zum Abschied Rhythmus, Tanz und Lebensfreude -

Zum siebten Mal waren brasilianische Jugendliche zu Gast am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium
GEA/ Mara Sander



28.01.2019         Austausch: Brasilien aus erster Hand
Reger Austausch zwischen Metzinger Gruppen und der brasilianischen Stadt Cáceres
GEA/ Till Börner

Die Vertreter*Innen des Chiquitano-Stammes mit ihrer Gastschwester Leni:  Marco(l), Jozair(r) und Andreia(hinten)

Geschichtsunterricht: Was haben Bolsonaro und Hitler gemeinsam?

Bildervortrag 

Moritz und Jean (im Bild) haben den Bildervortrag musikalisch umrahmt


Eindrücke BerlinsSprachbarrieren

die Wagenburg - alternativ Wohnen

Mitglieder des ProGo e.V. feiern mit Sanzio - dem Koordinator des Jugendaustauschs auf dem Schulball des DBG

Beim Tischkicker-Turnier im Kleinen Bol in Reutlingen


Sprachbarrieren werden künstlerisch überwunden

historische Stadtführung in Metzingen 

Begrüßung am Stuttgarter Flughafen

Archiv
Berichte, Zeitungsartikel, Videos 

2019 in Metzingen 

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Abschlussbericht
Katja Polnik

11.02.2019
Zum Abschied Rhythmus, Tanz und Lebensfreude -

Zum siebten Mal waren brasilianische Jugendliche zu Gast am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium 
GEA/ Mara Sander



28.01.2019   
Austausch: Brasilien aus erster Hand
Reger Austausch zwischen Metzinger Gruppen und der brasilianischen Stadt Cáceres
GEA/Till Börner


2017 in Cáceres 

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15.09.2017
Mit den Indios Fische harpunieren
Bildungsreise - Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums waren fünf Wochen in Brasilien und haben viel erlebt
s/GEA

21.07.2017
Soziales: Reise ohne Urlaubscharaker
SWP/ Michael Koch

Nach der Rückkehr hat die Brasilien-AG ein Video über ihre Erfahrungen in Brasilien geschnitten: Schau es -> HIER

und -> HIER ein Video über die Errungenschaften im Kinderprojekt während des Austauschs. 

2016 in Metzingen 

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29.01.2016
Es geht um's Verstehen
SWP/ Angela Steidle 

2014 in Cáceres

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Abschlussbericht
Katja Polnik

eigene Berichte; veröffentlicht in der Südwestpresse Metzingen:
11.09.2014
Bei den Landlosen - Teil 4

09.09.2014
Im Tierparadies Pantanal - Teil 3

28.08.2014
Besuch im Indigenen-Reservat bei den Chicitanos - Teil 2

20.08.2014
Metzinger Kinder als fleißige Helfer - Teil 1


07.07.2014
Brasilien: Metzinger Schüler blicken hinter die WM
Volksblatt/ Carola Eissler


2013 in Metzingen 

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2010 in Cáceres

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20.04.2011
Abschlussbericht
„Mutirão“ heißt auf Deutsch: „Gemeinsam schaffen wir es“

12.09.2010
Kontrastprogramm in São Paulo

2008 in Cáceres

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2017 in Cáceres

2016 in Metzingen

2014 in Cáceres

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Brasilienprojekt St.Bonifatius / Katja Polnik
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